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Mentale Stärke in der Krise. Artikel 5

Ein Erdbeben hat die ärmsten Gegenden eines politisch instabilen Landes getroffen. Es es ist schwierig, gute Information zu erhalten und darauf stützend einigermaßen korrekt zu handeln. Unerwartet trifft diese Information heute früh bei mir ein. Ich bin bei einer Nothilfeorganisation zuständig für dieses Land und muss sofort handeln und zwar nicht nur unmittelbar, sondern auch noch richtig. Denn nur innerhalb der nächsten 72 Stunden kann ich Verschüttete retten. So habe ich das mehrere Male als Projektleiter beim Roten Kreuz erlebt.

Eine solche Hilfsoperation zu planen und abzuwickeln, setzt bestimmte mentale Stärken voraus, denn es gilt Menschenleben zu retten. Solche mentale Stärken sind auch für Führungskräfte nötig, die nicht mit Großkatastrophen zu tun haben, wenn ihr Betrieb mit einer Krisensituation konfrontiert ist. Wer die notwendigen mentalen Fähigkeiten frühzeitig im Alltag eintrainiert hat, kann seine mentale Stärke in der Krise nutzen.  

Welche Lehren können wir von Hilfsoperationen nach Naturkatastrophen für die mentale Stärke in der Krise ziehen?

Erfordernisse:

Schnelligkeit, Ausschließlichkeit, Konzentration

Hier geht es darum, sofort die Zügel zu ergreifen. Nicht nachdenken, ob man ins Wasser springen soll, sondern schnell springen, an der erst besten Stelle, die sich anbietet. Und, wenn man sich der Materie vollumfänglich angenommen hat, sich ausschließlich diesem Thema widmen, nichts Anderes tun. Dadurch ergibt sich eine gründliche Durchdringung und profunde Kenntnisse der Situation. Die Expertise nimmt stark zu, ebenso die Entscheidungs- und Handlungssicherheit. Also: Alle anderen Tätigkeiten weglegen und mit ausschließlicher Konzentration auf die Krisenlage handeln und führen.

Analyse, mit wenig Information sich die Situation vorstellen, visualisieren

Wie sieht es vor Ort aus? Wer ist wie betroffen? Mit wenigen Informationen geht es darum, schnell ein Gesamtbild der Lage zu erfassen. Wer etwa  eine Stakeholderanalyse schon oft auf einem Flip-Chart demonstriert hat, wird diese Fähigkeit auch in einer Krise sofort wieder aktivieren und so  handlungsrelevante Information generieren.

Dabei geht es hier für die Führungskraft ausnahmsweise darum, ihr Expertenwissen einzubringen: Denn es gilt, das Vorwissen produktiv einzusetzen, unter Umständen Muster identifizieren, die Neulingen nicht auffallen. Das heißt: Anomalien – Ereignisse, die nicht geschehen oder hier erstmalig auftreten, erkennen und vergleichen mit anderen Arten nichterfüllter Erwartungen. Dadurch entsteht ein spezifisches Wissen, das dem darauf folgenden Handeln unwiderstehliche Qualität verleiht. Neulinge fühlen sich durch Vieles verwirrt,  denn immer wieder werden sie mit Ereignissen konfrontiert, die sie nicht vorausgesehen hatten. Eine wichtige Art von Hinweisen, die Neulinge nicht überrascht, Experten hingegen schon, sind Ereignisse, die entgegen der Erwartung nicht eintreten.

Das große Bild/Überblick: Situationsbewusstsein: Experten scheinen ein umfassendes Gefühl für das Geschehen in einer Situation zu haben – sie können die prototypischen Elemente an Situationen erkennen und beurteilen. Während Neulinge sich häufig durch viele Einzeldaten verwirren lassen, sehen Experten das große Bild und lassen sich nicht durch Einzelinformationen überfrachten.

Mentales Modell der anstehenden Aufgabe

Mit der bildlichen Vorstellung der Situation, der präzisen Trennung von Wichtigem und Unwichtigen schafft die Führungskraft mit dem Erfahrungsschatz  von früheren Einsätzen vergleichend ein mentales Modell der anstehenden Aufgaben: wie Teams koordiniert werden, und wie die Ausrüstung optimal eingesetzt wird. Sie wissen auch, wie die Teammitglieder zusammenspielen. So kann die Führungskraft antizipieren, was jeder braucht und tun wird. Dies gibt in der Krise Sicherheit, Stabilität und die notwendige Konzentration.

Sparsamkeit, Angemessenheit

In der Nothilfe sind die Bedürfnisse meist gigantisch, die eigenen Mittel sehr gering. Deshalb ist ein wichtiges Grundprinzip in der Krise der Grundsatz: Tue genau das Geforderte und Nützliche (nicht das, was ich am besten kann, oder der Versand jener Hilfsgüter, die ich zufälligerweise an Lager habe). Nach dieser Maxime zu handeln, ist umso einfacher, je besser das mentale Modell von der anstehenden Aufgabe ist. Ebenso einfach fällt es, sich mit jenen abzusprechen, die ähnliche Interessen verfolgen und auch helfen. Kooperation und Koordination sind so sichergestellt. Die mentale Stärke der Angemessenheit verlangt Demut: Wer ein bestimmtes Ziel will, darf keine Energie für unwichtige Nebenkriegsschauplätze verlieren, beispielsweise alte Rechnung zu begleichen.

Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte direkt an mich

Claude Ribaux

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